Google+ und Facebook – Die Schlacht der «Giants» fällt aus

Social Blogging Wie Social Media Teams strukturiert sind.

«Google+ ist das Social Network, das alles besser machen will. Unser Duell zeigt, ob der Social-Network-Gigant Facebook schon jetzt vor dem Such-Riesen Google zittern muss.»

Eine solche Aussage, wie sie Ende 2011 auf Chip Online zu finden war, ist typisch für die ersten Monate nach dem Launch der neuen Plattform. Google+ gegen Facebook wurde anfangs oft als Kampf David gegen Goliath oder auch als Battle of the Online Giants charakterisiert. Neuer­dings wird sogar das Unviversum bemüht, wenn auch nur als «Social War» zwischen Luke Facewalker und Darth Google im Social Media Kosmos.

Etwas mehr als eineinhalb Jahre ist es nun her, seit Googles Social-Media-Flagschiff vom Stapel lief. Immer deutlicher wird, dass «The Battle of Social-Media-Giants» — von vielen (oder allen?) erwartet — wohl ausfallen wird. Zu unterschiedlich sind die Konzepte, mit denen Facebook und Google+ antreten.

Die Nutzung des Internet soll einfacher werden

Facebook positioniert sich eindeutig als Soziales Netzwerk. Google Vice President und Chefentwickler Vic Gundotra sieht Google+ hingegen als soziale Schicht über allem, was Google ausmacht. «Google+ ist die nächste Version von Google. […] Es ist für uns das Upgrade auf Google 2,0.» Das erklärt auch die Zurückhaltung, wenn es um die Ver­öf­fent­lichung von Nutzerzahlen geht. Während Facebook gerne und oft Erfolgsmeldungen verbreitet, heißt es bei Google: «Wir zählen keine Nutzer, die haben wir schon mehr als genug. Wir wollen ihnen einfach nur bessere Werkzeuge bieten, um sich zu vernetzen.»

Googles Gesamtstrategie lässt sich in 7 Worten zusammenfassen: Die Nutzung des Internet soll einfacher werden.  

Welche Richtung schlägt Facebook ein?

Neicole Crepeau bemerkte kürzlich auf {grow}, dass Facebook sehr anfällig für neue, bahnbrechende Technologien ist, da Facebook seine Kunden nicht an erster Stelle sieht. Facebook-Nutzer sind nicht loyal, sondern sie gehen dorthin, wo ihre Freunde sind. Die Situation sei vergleichbar mit dem folgenden Szenario:

Sie haben am Samstag drei Bars zur Auswahl, in die Sie gehen könnten. In zwei davon würden Sie wirklich gerne gehen. Die dritte ist nur mittelmäßig. Aber alle deine Freunde sind in der mittelmäßigen Bar, also gehen Sie auch dorthin.

Die derzeite Richtung, in die sich Facebook auf der Anwenderseite entwickelt, ist durchaus widersprüchlich. “Bang With Friends” und „Spotted“-Communities führen scheinbar geradewegs zurück zu den Facebook-Wurzeln. Dass ein Facebook-Like noch nicht einmal die ihm manchmal zugeschriebenen 3.09€ wert ist, zeigen Klicks für Haustiere und Sex.

Andererseits nutzen immer mehr Unternehmen Werbung auf Facebook. Immerhin erwirtschafteten die Facebook-Anzeigen fast 5 Milliarden $ Umsatz, zumindest für Facebook scheinen sie also gut zu funktionieren. Genau hier sieht Facebook auch die Zukunft.

In den letzten Wochen und Monaten hat sich Facebook mit neuen Werbeformaten geradezu überschlagen. Existierende Formate wie etwa die Promoted Posts wurden für mobile Endgeräte angepasst. Auch hat der blaue Riese mit gänzlich neuen Kreationen jede Menge Staub aufgewirbelt: Facebook Exchange, Sponsored Results und Facebook Offers sind Formate, die — zumindest hier in Europa — erst vor wenigen Monaten ausgerollt wurden.

Facebook mutiert zunehmend zur Werbeplattform

Dass es langsam ein wenig undurchsichtig wird und an der Zeit ist, für etwas mehr Über­blick zu sorgen, hat auch Facebook erkannt. Um der Verwirrung der Werbetreibenden zu begegnen, wurde das 45-seitige PDF-Dokument Ads and Sponsored Stories Guide veröffentlicht. Dabei werden nicht nur alle 24 — in Worten vierundzwanzig — Werbe­for­mate vorstellt; Gewichtung und Aufteilung könnten Hinweis darauf sein, welchen dieser Formate Facebook selbst Überlebenschanchen einräumt. Eine dazu passende Excel-Datei wurde ebenfalls zur Verfügung gestellt.

Jens Wiese hat im letzten Oktober auf allfacebook.de eine Liste der damals aktuellen Facebook Anzeigenformate zusammengestellt. Marcus Weinmeister dröselt das auf dem iConsultants Blog noch weiter auf. Der — vorläufig — letzte Schritt war die Freischaltung der Promoted Posts von Privat für Privat. In Zukunft kann man dafür zahlen, die Postings von Freunden zu promoten und Sie brauchen noch nicht einmal die Erlaubnis ihrer Freunde dazu.

Und die nächsten Änderungen stehen schon an: Nach einem Bericht von Ad-Age und Inside Facebook arbeitet Facebook einer neuen Targeting Möglichkeit für Facebook An­zei­gen, basierend auf Einkäufen der Nutzer. Kein anderes soziales Netzwerk bietet sich so unverholen als Werbe- und Marketingplattform an wie Facebook. Das zeigt auch die Facebook Marketing Bibel, in der es einleitend heißt: «Die Facebook Marketing Bibel ist die umfassende Anleitung zur Vermarktung Ihrer Marke, Ihres Unternehmens und Ihrer Produkten oder Dienstleistungen auf Facebook.»

Facebook sieht seine Zukunft als Werbe-Plattform, die Nutzer eher in der Bou­le­var­di­sie­rung. 

… und welche Strategie verfolgt Google?

Kritiker sehen in Google+ ein sehr technikbezogenes soziales Netzwerk, in dem entweder a) Niemand b) Google-Mitarbeiter oder c) männliche Nerds unterwegs sind. +Clinton Stark beschrieb seinen ersten Eindruck so:

I can’t help but feel that Google+ is just like being in the basement of the computer science department. There’s a lot of tech talk, not much sunlight.

Das hat sich gründlich geändert. Wenn die Google-Entwickler sich einige Zeit ins «Basement» zurückgezogen haben, dann nur, um eine langfristige Strategie zu entwickeln, die Google fit für die Zukunft macht. Und Google+ spielt in dieser Strategie eine zentrale Rolle.

«Google+ ist Google», gibt The Wall Street Journal eine Aussage des Google Vice President Bradley Horowitz wieder. «Es gibt schon viele Zugänge zu Google+ und die durch die Vernetzung [mit anderen Diensten] werden es täglich mehr.»

Google verfolgt bei und mit Google+ eine langfristige Strategie

Google-Manager Nikesh Arora erklärte bereits im November 2011 gegenüber dem britischen Telegraph: «Für uns ist Google nicht einfach ein soziales Netzwerk.» Vielmehr sei es eine Plattform, die das soziale Element in alle von Google angebotenen Dienstleistungen und Produkte bringt. Soziale Signale sollen über alle Produktgrenzen hinweg miteinander verknüpft werden. «Es geht nicht darum, die Menschen auf einer Seite zusammen zu bringen und es dann soziales Netzwerk zu nennen.» Der Frage, ob Google+ eine direkter Konkurrent zu Facebook sei, wich Arora aus und erklärte: «Ich bin sicher, dass Google+ einige Features hat, die mit einigen Features auf Facebook konkurrieren.»

Ziemlich genau ein Jahr und einige Rollouts später erklärte Google+-Produktmanager Bradley Horowitz während eines Pressefrühstücks in Amsterdam, dass 2013 weitere Google-Dienste mit Google+ zusammengeführt werden. Bisher sei nur 20% der geplanten Funktionalitäten realisiert worden. «2013 ist das Jahr von Google+», versicherte Horowitz.

Über meisten Google Dienste ist Google+ bereits erreichbar

Bereits seit einiger Zeit wird Google+ fort­laufend in mehr und mehr Angebote der Google-Produkt-Palette integriert und somit für alle Nutzer der Google-Produkte sichtbar. Für die Nutzung einiger Dienste ist es folge­richtig, dass die Einrichtung eines Google-Kontos zwingend ist.

Ist ein Nutzer der Dienste bei Google ein­ge­loggt, so kann er auf so gut wie jeder der Dienste-Seiten — wie beispielsweise die Suche, Maps, gMail oder YouTube — direkt seinen Google+ Notification Stream ans­chau­en, Artikel, Bilder oder Videos teilen, Beiträge posten oder Kommentare be­ant­worten, ohne auf die Google+-Seite selbst wechseln zu müssen. Benachrichtigungen über neue Reaktionen werden auf allen diesen Seiten mit einer dezenten Animation in unübersehbarem Signalrot angezeigt.

Für Business-Anwender müssen noch einige Probleme gelöst werden. Es gibt einige Google Dienste, die Unternehmen nutzen, aber die Anmeldung mit nur einem Google-Konto noch nicht möglich ist. Dazu gehört z. B. Google Groups, der größere Bruder der Google+ Communities. Horowitz: «Hier müssen wir sicherstellen, dass diese Produkte verknüpft werden. Unternehmen die Ihre Google-Produkte nutzen, sollten dazu ohne großen Aufwand in der Lage sein.»

Google ist ein Technologie-Unternehmen, das auch eine Suchmaschine anbietet. 

Google löst Apple als Innovations-Motor ab

Einst galt Google als unbeholfener, aber gutmeinender Tech-Riese, inzwischen erscheint es als schlankes, fokussiertes Unternehmen und bereit für zukünftige technologische Herausforderungen, meint Business Insider. Und weiter:

Apple, which was once seen as an innovation machine that only cranked out hit products is now seen as stale, boring, and adrift by many people.

Derzeit ist “Google Glass” ist in aller Munde. Und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist einer der größten Bewunderer der neuen Technologie. Wie Forbes berichtete trafen Google-Gründer Sergey Brin — mit den scheinbar für ihn obligatorischen Google Glass an der Stirn — und Facebook CEO Mark Zuckerberg anlässlich einer Preisverleihung an der University of California zusammen. Zuckerberg löcherte den Google-Gründer mit Fragen, durfte die Brille dann auch selber testen und beide diskutierten über eine mögliche Zusammenarbeit:

Zuckerberg’s questioning continued through out the 10-minute interaction, later asking if it was possible to send data from Glass without going through Google’s servers. Brin said that was currently not possible.

Facebook soll bereits ein Team von drei Entwicklern gebildet haben, die Apps für die Brille entwickeln sollen und nur darauf warten die erste Version der Glasses in die Hände zu bekommen und Apps dafür zu entwickeln.

Das Chromebook Pixel tritt gegen Apples MacBook an

Mit der Vorstellung des Chromebook Pixel macht Google auch den letzten Zweiflern klar, dass das Unternehmen auf dem Weg zum Premium-Hersteller ist. Das Chromebook Pixel ist neben einer Anzahl von Low-Cost-Geräten das erste Premium-Gerät am Markt, das zeigt welches Potenzial in Chrome OS steckt und es zukünftig haben wird. Pixel ist ein edles Arbeitsgerät und und eindeutig im Segment eines MacBook von Apple positioniert. Das bestätigte auch der für die Entwicklung der Chromebook-Reihe verantwortliche Google-Manager Sundar Pichai auf einem Event in San Francisco. Pichai: «Die Leute werden dafür das MacBook Air aufgeben.»

Chrome OS ist ausschließlich auf Software aus dem Netz ausgelegt, also Anwendungen wie GoogleDocs oder GoogleMail. Eigene Software kann nicht installiert werden, das schränkt einerseits den Nutzerkreis ein — Grafiker benötigen eben Photoshop — stärkt auf der anderen Seite die Google Cloud. Google gibt dann auch an, das Chromebook Pixel für “Cloud-Enthusiasten” entwickelt zu haben. Gemeint sind Anwender, die alles in der Cloud erledigen.

Alle Google-Geräte sind tief an die Google-Cloud angebunden und bieten im Vergleich zu Konkurrenz-Geräten nur sehr wenig Speicherplatz. Dabei steht die Suchmaschine nicht mehr im Focus. Es geht um das Google Drive mit den Google Docs, um Gmail, Google+ und natürlich YouTube und die vielen anderen Google-Dienste (s. o.). Und da es kaum noch einen Internet-User gibt, der nicht mindestens eines der Google-Produkte nutzt, scheint diese langfristige Strategie aufzugehen.

Der «Kampf der Giganten» fällt aus. Neben der Innovations-Maschine Google sieht Facebook schon jetzt alt aus. 

 

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Links zum Thema:
Google Plus Daily: Google+ is not just a social network. It is the future of Google itself, Google 2.0 (07. Februar 2013)
Materna Media: David gegen Goliath (20. Februar 2013)
Zündstoff Jugendportal: Google+ vs. Facebook – Wer hat die Nase vorn? (02. November 2012)
Gründerszene: Wird Google+ zum Facebook-Killer? (5. Februar 2013)
SENSational Marketing: Die ersten Schritte mit Google+ Local (27.Februar 2013)
FAZ net: Chromebook Pixel – Google setzt beim Notebook auf die Apple-Strategie (22.Februar 2013)

 

Bildvorlage Teaser: Majestic Media Bilder: Bildschirmfoto Google Products

 

3 Kommentare

  1. Hallo Herbert,

    ein sehr interessanter Artikel. Obwohl mir vieles bekannt ist, so sind mir einige Punkte unbekannt bzw. nicht so klar bewusst.

    Die Tendenz für Facebook scheint wohl für die kommenden Jahre tatsächlich im “Geld verdienen mit Werbeanzeigen” zu liegen. Ob dies verwerflich ist, ist ein moralischer Aspekt und moralische Aspekte haben immer eine große Dimension, die “für immer & ewig” diskussionswürdig ist. Für mich ist Facebook ein Unternehmen. Unternehmen müssen Umsatz und Gewinn erwirtschaften, wollen sie das nächste Geschäftsjahr überleben. Genauso gilt dies meiner Meinung für Google mit seinem sozialen Netzwerk Google+. Wenn ich diesen Artikel so lese, dann scheint Google wohl eine sehr gelungene Strategie für die nächsten 5 bis 10 Jahre gewählt zu haben.

    Frohe Ostern,

    Ralph

  2. Herbert Peck

    Hallo Ralph,

    nicht, dass Du es missverstehst: Es ist für Unternehmen nicht verwerflich, Geld zu verdienen. Ganz und gar nicht. Es stellt sich nur die Frage, ob die klare Ausrichtung auf Werbung für ein soziales Netzwerk eine gute Zukunftsperspektive ist.

    Ich glaube, dass Neicole Crepeau recht hat: Facebook-Nutzer sind nicht loyal, sondern sie gehen dorthin, wo ihre Freunde sind. Die Abwanderung jüngerer Nutzer – wie in den USA feststellbar – könnte ein Indiz sein. Oder?

    Herbert

    • Hallo Herbert,

      tatsächlich ist dies schwierig zu beantworten: “Es stellt sich nur die Frage, ob die klare Ausrichtung auf Werbung für ein soziales Netzwerk eine gute Zukunftsperspektive ist.”

      Sollte Facebook den Punkt finden, wo der Mix zwischen “Geld verdienen mittels Werbung und soziales Netzwerk” optimal ist, könnte Facebook sehr lange existieren. Ich denke, dass Facebook probiert exakt diesen Punkt zu finden. Hier hat Google mit seinen sozialen Online-Netzwerk Google+ einen Vorteil. Google verdient mit einem anderen Dienst sein Geld.

      “Facebook-Nutzer sind nicht loyal, sondern sie gehen dorthin, wo ihre Freunde sind. Die Abwanderung jüngerer Nutzer – wie in den USA feststellbar – könnte ein Indiz sein. Oder?”

      Sind die Nutzer/innen in anderen sozialen Online-Netzwerken loyaler? Was meinst Du dazu?

      Viele Grüße, Ralph

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